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Heimkehr

Heimkehr von Toni Morrison – Hörbuchrezension

 

Heimkehr - Rezension„Sie standen da wie Männer“

In „Heimkehr“ beschäftigt sich Literatur-Nobelpreisträgerin Toni Morrison mit dem Schicksal der Afroamerikaner in den USA der 50er Jahre. Frank Money ist mit massiven psychischen Schäden aus dem Koreakrieg zurückgekehrt und führt seitdem ein zielloses Vagabundenleben, unfähig, den Weg zurück in eine Gesellschaft zu finden, die ihn nicht verstehen kann und will. Als ihn die Nachricht erreicht, dass seine jüngere Schwester Cee in Gefahr ist und seine Hilfe braucht, macht er sich auf den Weg: nach Lotus, Georgia. Zu Cee, zu den Familien seiner gefallenen Kameraden. An den Ort, an dem ein düsteres Geheimnis ruht, dem Frank erst auf den Grund gehen muss, bevor er seinen Frieden finden kann … Doris Wolters (Deutscher Hörbuchpreis) und André Benndorff lesen dieses beeindruckende Gesellschaftsporträt und geben Morrisons poetischer Sprache Wirkung. (Verlagstext)

 

Nach Hause kommen war für mich bisher immer ein schönes und positives Gefühl und hatte etwas Tröstliches. Für Frank Money ist es ganz anders. Er zog von Hause weg in den Krieg und kommt als gebrochener Mensch zurück. Mit seinen 24 Jahren wirkt er so viel älter. Er findet sich in seinem Leben nicht mehr zu recht. Gelegenheitsjobs halten ihn über Wasser, seine Beziehung ist am Ende. Die Sorge um seine jüngere Schwester Cee rüttelt ihn auf, gibt ihm die Kraft, sich auf den Weg nach Hause in das verhasste Lotus zu machen, um seine geliebte Schwester zu retten. Auch sie ist geflohen … vor der Gleichgültigkeit der Eltern, vor dem Hass der Großeltern … in eine Ehe, die von Anfang zum Scheitern verurteilt war. So lerne ich die Vergangenheit der Money-Geschwister aus verschiedenen Perspektiven kennen. Das Schicksal bringt die beiden Geschwister wieder zusammen, doch der Weg dahin ist steinig.

Toni Morrison hat eine wunderschöne Sprache gefunden für diese traurige und ergreifende Geschichte und macht die schwere Kost damit etwas erträglicher. Trotzdem musste ich meinen Ohren immer wieder Hörpausen gönnen um dann erneut einzutauchen in eine Geschichte voller Elend, Misshandlung, Wut und Verzweiflung.

Ein großer Teil ist in der Erzählerperspektive verfasst und wird von Doris Wolters vorgelesen. Sie hat sich hier wieder einmal selbst übertroffen. Sie liest so nuanciert, so gefühlvoll. Dieser Stimme muss man einfach zuhören und sie macht auch dieses Hörbuch zu etwas Besonderem. Einige Passagen werden von Frank in der Ich-Form erzählt und diese Passagen liest André Benndorff. Auch er hat mich überzeugt. Seine Stimme ist etwas härter als die seiner Mitstreiterin und wirkt auf mich noch eindringlicher. Er gibt der Seelenqual von Frank eine Stimme und auch das hat mich sehr beeindruckt.

Toni Morrison erzählt sehr dicht und packt so viel in 160 Seiten bzw. drei CDs. Und dann … im letzten Drittel … siegt die Zuversicht, Frank und Cee sind endlich angekommen … bei sich und auch in Lotus, der verhassten Heimatstadt. Und so ist das Nachhausekommen letztendlich auch hier schön … nach einem langen Umweg.

 

Autorin:

Toni Morrison wurde am 18.2.1931 in Lorain, Ohio, USA, als zweites von vier Kindern eines schwarzen Arbeiterehepaares geboren. Nach dem Besuch örtlicher Schulen 1949 Beginn des Studiums an der Howard University in Washington, DC. Erste Erfahrungen mit dem Südstaaten-Rassismus während einer Tournee als Mitglied der Universitätstheatergruppe. Ab 1953 Anglistikstudium an der renommierten Cornell University bis zum Magisterabschluss 1955. Lehrtätigkeit, zunächst an der Texas Southern University (1955-1957), danach an der Howard University (1957-1964). Ehe mit dem jamaikanischen Architekten Harold Morrison, aus der zwei Söhne hervorgehen. Nach der Scheidung 1964 Rückkehr nach Lorain. 1965 Umzug nach New York und Lektorentätigkeit beim Verlag. Random House. Schrieb Geschichten, aus denen sie schließlich ihren ersten Roman entwickelte. 1970 Debüt als Romanautorin.Zu ihren bedeutendsten Werken zählen u. a „Sehr blaue Augen“, „Solomons Lied“ „Menschenkind“, „Jazz“, „Paradies“ und die Essaysammlung „Im Dunkeln spielen“ über die Antinomien von weißer und schwarzer Kultur. Sie zählt seit langem zur Garde der bedeutendsten Autoren Amerikas. 1980 Mitglied des National Council on the Arts. 1981 in die American Academy of Arts and Letters aufgenommen. Seit 1989 Professorin für afroamerikanische Literatur an der Princeton University, NJ. Auszeichnungen: National Book Critics‘ Circle Award (1978); American-Academy-and-Institute-of-Arts-and-Letters Award für Erzählliteratur (1980); Cleveland Arts Award für Literatur (1980); Robert F. Kennedy Book Award (1988); Melcher Book Award (1988); Unitarian Universalist Award (1988); Nobelpreis für Literatur (1993); Commandeur des Arts et des Lettres, Frankreich (1993). (Quelle: Rowohlt Verlagsseite)

 

Sprecherin:

Doris Wolters arbeitet als Schauspielerin und Sprecherin in Hörspielen sowie Hörfunk- und Fernsehfeatures des SWR, DRS und ARTE. Sie erhielt 2012 den Deutschen Hörbuchpreis als Beste Interpretin für ihre Lesung von Zsuzsa Bánks „Die hellen Tage“. Ihre Stimme ist auf zahlreichen weiteren Hörbüchern des Audiobuch Verlags zu hören. Darunter finden sich literarische Spitzen und lyrische Ausflüge, aber auch spannende Unterhaltungsliteratur und eindringliche Biographien. Ob heiter-ironisch oder ernsthaft, selbstbewußt oder sanft-zurückhaltend, Doris Wolters versteht es die richtige Stimmung eines Textes einzufangen.

 

Das Hörbuch ist im Audiobuch-Verlag erschienen. Hier findet Ihr auch eine Hörprobe. Vielen Dank für mein Rezensionsexemplar!

 

Leseprobe der Printausgabe

 

Meine Rezension bei Amazon und weitere Infos zum Hörbuch/Buch findet ihr hier.

 

1 Kommentar

  1. Mo SchneyderMo Schneyder07-06-2014

    Eine sehr schöne Rezension! Ich denke, ich werde mir „Heimkehr“ auch zulegen, nachdem ich schon die anderen Romane von Toni Morrison gelesen habe. Ich finde ihre Sprache sehr eindringlich, melancholisch und unglaublich poetisch. Danke dir 🙂
    Liebe Grüße
    Mo

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